Judith Röder

 

 

 

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Für diejenigen, die nicht an der Küste leben, muss der Wald die Rolle des Meeres übernehmen. Denn wir brauchen einen Ort, wo eine undefinierbare Sehnsucht Heimat findet. Dabei ändert sich die Begrifflichkeit. Aus Weite wird Tiefe, aus dem Fernweh vielleicht Neugier. Was bleibt und immer mitschwingt, ist ein leichtes Unbehagen, vielleicht vor dem Verloren sein, dem Ausgeliefert sein. Da, wo Schutz nicht wirklich existiert, existiert auch nicht die reine Zuversicht. Der nichturbane Lebensraum bleibt uns fremd-vertraut. Bar jeder Logik hat dies etwas Tröstliches und wir brauchen Trost, suchen danach. Auch in der Kunst. Dabei ist Klärung nicht zu erwarten. Das ist kein Fall für unendliche Tiefenschärfe. Die Genauigkeit entsteht eher aus dem leicht Verwackelten, dem sanft Bewegten, dem sachte Überlagerten. Dort, wo der Autofokus versagt, wird man magisch ins Bild gezogen. Diese wunderbaren Unschärfen des vom Winde Bewegten verschieben unsere Wahrnehmungsperspektive. Da kann man versinken, kann sich hingeben der Langsamkeit, die so wohltuend daherkommt, auch wohltemperiert. Hier sind dann die gemessen wogenden Äste und Zweige dem steten Wellengang gleich.

 

Judith Röder konfrontiert uns mit einer großen Schlichtheit, die als bildliche Transformation inhaltlich sehr komplex wird, wenn sie erst unser Bewußtsein erreicht. Gerade der sympathische Versuch, nicht die ganze Welt erklären zu wollen, öffnet dem Betrachter eben diese auf ganz erstaunliche Art und Weise. Die Sicht auf die Welt ist am Beginn, als Idee, sehr real und am Ende, nachdem sie eine Ausformung mit Holz und Glas und Technik erfahren hat, beinahe immateriell. Das passiert natürlich nicht einfach so. Die Künstlerin kennt den Klang der Materialien, weiß deren Schwere oder Leichtigkeit einzuordnen. Sie hat ein Gefühl dafür, wieviel Inhalt ein Stoff überhaupt tragen kann, sie bedenkt auch die geistige Statik eines Objektes.

 

Judith Röder schält aus unserer lauten, hektischen, bunten Zeit Momente der Stille heraus. Dies tut sie mit größtmöglicher Präzision, mit inhaltlicher Klarheit und formaler Strenge. Diese Stille ist nicht absolut zu sehen, es ist eher die Abwesenheit von Lärm. Es ist ein Flüstern, weich, zärtlich.

 

Judith Röders künstlerische Zuwendung beseelt das vermeintlich Banale, adelt es. Ihre Projekte thematisieren und zelebrieren Momente großer Einfachheit. Da bewegt sich ein Vorhang, ein Mensch unter einer Bettdecke, Atemluft bildet einen Raum. Alltägliches wird beobachtet, scheinbar Unbedeutendes wird herausgefiltert. Nichts wird zur Sensation erklärt. Die Künstlerin macht aufmerksam auf die Schönheit des Sekundären und bereichert uns so. Sie bewahrt vor dem Übersehenwerden, vor dem Vergessen. Sie behütet Dinge, die kaum beachtet auch nicht abgespeichert werden.

 

Judith Röder ist eine Chronistin unserer Zeit am Beginn des 21. Jahrhunderts, eine, die das festhält, was es nicht mehr in die universellen Server des World Wilde Web schafft. Damit sind ihre Arbeiten zeitgenössisch, ohne sich der Zeit anzubiedern. Sie betätigt sich auch als Archäologin des Alltags, sie nimmt sich bildlich gesprochen der zerbrochenen Tasse an, restauriert diese und stellt sie unter eine Haube aus entspiegeltem Glas. Dort erscheint sie gereinigt und vergrößert. Die so geschaffene Bedeutung entspringt nicht der puren Behauptung der Künstlerin, diese legt Judith Röder lediglich frei. Frei zu unserer Erbauung.

 

Prof. Jens Gussek, 2013

 

 

 

 

 

For those who do not live on the coast, the forest must take on the role of the sea. Because we need a place where indefinable longing can find a home. The definitive terms are thereby altered. Expanse turns to depth, and the desire for distant sights becomes, perhaps, curiosity. What remains and always resonates, is an eerie discomfort, maybe of being lost or powerless. There where protection does not truly exist, no pure confidence can exist either. The non-urban habitat remains estranged but familiar. However devoid of logic, this has something comforting and we need comfort, we look for it; also in art.

A clarification is therefore not to be expected. This is not a case for infinite depth of field. The accuracy emerges rather from the slightly blurred, the gently moving, and the subtle overlay. Where the auto focus fails, the picture lures observation. The wonderful blurring of movement in the wind causes our perspectives to shift. There one can sink, can indulge in the slowness that is so soothing and well tempered. Here the surging weight of branches and twigs is equal to constant undulation of waves.

 

Judith Roeder confronts us with a great simplicity, which becomes conceptually complex when perception of the visual content reaches our consciousness. The sympathetic attempt to not want explain the whole world, opens the viewer to just that. The view of the world in the beginning is very real, as an idea. In the end, after wood, glass and technique are applied, it is almost immaterial. This of course does not happen on its own accord. The artist knows the resonance of the materials, knows how to classify its severity or lightness. She has a feel for how much content a substance can bear and she minds the intellectual structure of an object.

 

Judith Roeder peels moments of stillness away from our noisy, busy, colorful present times. She does it with an utmost precision, with clarity of content and a formal rigor. This silence is not absolute, rather the absence of noise. It is a whisper, soft, tender.

 

Judith Roeder's artistic devotion animates the seemingly trivial by ennobling it. Her projects define and celebrate moments of great simplicity. There is a curtain moving, a person under a blanket, breath forms space. The everyday life is observed and the seemingly insignificant is filtered out. Nothing is declared as a sensation. The artist draws attention to the beauty of the secondary and in that way enriches us. She preserves the overlooked from becoming forgotten. She protects the things that are hardly noticed and therefore not stored.

 

Judith Roeder is a chronicler of our time at the beginning of the 21st century, one that keeps what the universal server on the World Wide Web no longer has the ability to accomplish. In this manner her works are contemporary without conforming to the time. She also acts as an archaeologist of everyday life. Figuratively speaking she takes the broken cup, restores it and puts it under a dome of anti-reflective glass. There it seems purified and enlarged. The created meanings do not arise from the pure assertion of the artist; Judith Roeder only excavates them, leaving us free to build ourselves.

 

Prof. Jens Gussek, 2013